Eine Kopie ist eine Kopie ist ein Original!

Antinoos, der Geliebte von Kaiser Hadrian, ist zweifelsohne eine Schönheit. Auch deshalb wird er in der Antike bereits kurz nach seinem frühen Tod in Form von Skulpturen, auf Reliefs sowie auf Münzen als Gott kultisch verehrt. In der Renaissance wird der schönste Jüngling der Antike neu entdeckt. Über Jahrhunderte hinaus wird Antinoos zu einer göttlichen Ikone und einem Schönheitsideal – auch als reicher Figurenschmuck am Berliner Schloss. Ab 2019 nimmt er als Rekonstruktion zwischen sieben anderen Allegorie-Gestalten der griechischen beziehungsweise römischen Antike wieder seinen angestammten Platz an der Schlossfassade im Schlüterhof ein. Nur, welchen Ursprung hat die Skulptur des Antinoos eigentlich?

Die Kopie der Skulptur des Antinoos des zerstörten Berliner Schloss´ist mit einer Größe von fast drei Metern riesig und mit 1443 kg ein Schwergewicht. Der Körper ist aus schlesischem Sandstein gefertigt. Nicht nur die wechselvolle Geschichte der originalen Antinoos-Skulptur vom Berliner Schloss, sondern auch deren mythologische Bedeutung machen seine Rekonstruktion zu einer spannenden Aufgabe für die Schlossbauer.

1543 wurde beim Castel St. Angelo eine römische Kopie einer griechischen Hermesskulptur gefunden, die von Papst Paul III. für den Skulpturengarten des Vatikan gekauft worden war. Nach dessen Vorbild fertigt der französische Bildhauer Francois Duquesnoy 1624 eine kleine Bronze an, die heute im Bodemuseum in Berlin zu bewundern ist. An diesem Werk orientierte sich Andreas Schlüter 1699 für seinen Antinoos für das Berliner Schloss. Der Schlütersche Jüngling geht jedoch verloren. Im späten 19. Jahrhundert wird im Schloss eine Kopie aufgestellt – vermutlich aus der Werkstatt Reinhold Begas. Diese wird nach Kriegsbeschädigung und vor Sprengung des Berliner Schlosses im Herbst 1950 geborgen und mit anderen erhaltenen Skulpturen ins Bodemuseum überführt.

Im Zuge des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses mit drei seiner Außenfassaden und dem Schlüterhof werden 2013 von allen original erhaltenen fragmentarischen Skulpturen mittels Negativform Abformungen aus Silikon hergestellt. Die Originale werden anschließend für die Aufstellung im zukünftigen Skulpturensaal des Humboldt Forums umfassend restauriert. 2017 rekonstruiert der Bildhauer Andreas Hoferick den linken fehlenden Arm von Antinoos, der Steinbildhauer Wojciech Rostocki stellt danach von einem um den Arm ergänzten Gipsabguss eine Sandsteinkopie her. Nach über 300 Jahren wird nunmehr wieder eine vollständige Antinoos-Skulptur auf der dritten Säule von Norden vor dem Portal 6 im neu entstandenen Schlüterhof stehen.

Vollendet ist die Skulptur jedoch nur bedingt, da auch die Vorlage aus dem späten 19. Jahrhundert dem Bildhauer vor der vollständigen Fertigstellung „entrissen“ und an der Fassade aufgestellt wurde – vermutlich anlässlich der Gewerbeausstellung in Berlin 1896. Dieser historisch-halbfertige Zustand, also fein durchgearbeiteter Kopf und Schulterpartie, mit dem Bossentreiber vormodellierter Körper und grob angelegter Rücken, wurde in die heutige Sandsteinkopie übertragen. Selbst das ursprüngliche System der Punktierpunkte konnte exakt übernommen werden, weil es am Original gut sichtbar war.

Das Original wird in Zukunft für jedermann sichtbar im Skulpturensaal des Humboldt Forums zu sehen sein. Bildhauer, Mitglieder der Expertenkommission und alle andere Beteiligten sindüberrascht, wieviel Kunstgeschichte und künstlerische Geheimnisse unter der schwarz patinierten Sandsteinoberfläche des Originals verborgen liegen: „Die Figur spricht mit uns. Wir können nachvollziehen, wie die alten Meister gearbeitet haben.“ Die rekonstruierte Figur findet ihren Platz am ursprünglichen Standort des Originals, im Kleinen Schlosshof, dem sogenannten Schlüterhof.

Entstanden zwischen 1698 und 1706, galt dieser als eines der schönsten barocken Baukunstwerke nördlich der Alpen. Andreas Schlüter legte dem Hof eine klare Rhythmik aus zwei kleinen und einem großen Portalrisaliten, aus der Fassade hervorspringendeGebäudeteile, zugrunde. Diese verband er durch eine elegante zweigeschossige Galeriekonstruktion. Nähert man sich von Westen, erblickt man den fünfachsigen Risalit des Großen Treppenhauses, das früher den Zugang in die kurfürstlich-königlichen Paraderäume eröffnete. Zukünftig wird hier der Zugang zum Skulpturensaal bzw. der Durchgang zum Spreeufer sein. Auf ca. 8 Meter Höhe stehen hier die insgesamt acht Kolossalfiguren als Teil der Fassadenrekonstruktion. Bei den Figuren handelt es sich um Allegorie-Gestalten aus der griechischen bzw. römischen Antike. Zwei der acht Figuren, der Antinoos und die Borussia sind nunmehr rekonstruiert.

Wie alle Fassaden benötigt auch der Schlüterhof mit seinem reichen Figurenschmuck Spenden, um die Errichtung zu ermöglichen. Deshalb war es besonders erfreulich, dass sich ein süddeutscher Unternehmer dazu entschlossen hat, der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss eine rekonstruierte Figur zu schenken. Dabei hat er sich die Statue des Antinoos ausgesucht und somit einen Teil der Geschichte des Berliner Schlosses mitgeschrieben.

Wenn auch Sie Teil der Historie des Stadtschlosses werden möchten, unterstützen Sie die Rekonstruktion der wunderschönen Schlossfassaden mit einer Spende!