Cool Jazz über preußischem Barock

Ein barockes Schloss wieder neu zu bauen – das ist auch eine Kunst. Vor allem für die Fassade und ihre Skulpturen braucht es klassisches Handwerk und moderne Technik. Und Menschen, die begeistert sind von ihrer Aufgabe.

Über den weich geschwungenen Sandsteinflügel weht eine luftige Cool Jazz-Melodie. Hart und metallisch dazwischen die Schläge des Bildhauers Peik Wünsche. Mit Schlegel und Eisen schlägt er überschüssiges Material aus dem Stein, um erst grob die Proportionen des daneben liegenden Gipsmodells zu treffen und dann jede Feder in all ihrer Feinheit heraus zu modellieren.

Wünsche, der »Schöpfer der Borussia«, wie der Leiter der Schlossbauhütte Bertold Just ihn nennt, war einer der ersten Steinbildhauer in der Schlossbauhütte, die die Stiftung Humboldt Forum 2011 in einer ehemaligen KFZ-Reparaturhalle der Alliierten in Spandau einrichtete. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Kunstgeschichte, Architektur und Denkmalpflege arbeiten hier Restauratorinnen und Restauratoren, Gipsformer und Steinmetze zusammen mit 24 freien Steinbildhauern daran, den Schlüterschen Fassadenschmuck des Berliner Schlosses zu rekonstruieren. Preußischer Barock aus dem Jahre 1701 – wie baut man so etwas heute?

Den Flügel, den Wünsche gerade bearbeitet, bekommt eine Genie an Portal III, der auch noch zwei Arme fehlen. Die Statiker waren lange unsicher, wie sie das kolossale Element stabilisieren sollten. »Schlüter hat ja eher nach Gefühl gebaut, die Steinbildhauer hatten ihre Erfahrungswerte. Das mussten wir uns erst wieder erarbeiten«, erklärt Hüttenmeister Just. Das sei manchmal ein Spagat. Steine, die dreihundert Jahre lang gehalten haben, entsprechen plötzlich nicht mehr der vorgeschriebenen DIN-Norm. Mit dem Fortschritt der Technik sind auch die Ansprüche an die Statik gestiegen. “Trotz aller modernen Normen müssen wir jedoch im Schlüterschen Maßsystemen denken – in 31,385 cm, dem preußischen Fuß.”

Auch die detailgetreue Rekonstruktion der Artefakte ist nicht einfach. Von Wünsches Flügel etwa gibt es zwar Schwarz-Weiß-Fotografien. Aber die Vergrößerungen sind unscharf und an den Schattenstellen sieht man nur Umrisse. Das reicht für die groben Proportionen und das erste Miniaturmodell aus Ton, das Bozzetto. Auf dieser Grundlage entsteht dann ein größengetreues Gipsmodell, das der Steinbildhauer schließlich mit einer traditionellen Punktiermethode auf den Sandstein überträgt.

Die Ziselierung der Federn aber gestaltet Wünsche wie Schlüter: nach Gefühl und Erfahrung. Auch wenn er bereits bei der ersten Bewerbung Erfahrung mit dem preußischen Barock hatte, ist der 55-Jährige über die Jahre immer versierter geworden. „Das ist ein intensiver Vertiefungs- und Lernprozess”, sagt er. Allein an der Figur der Borussia hat Wünsche ein Jahr lang gearbeitet. Hier draußen in seiner „Schauer”, einem hölzernen Unterstand auf dem Hof des Geländes – durch alle Jahreszeiten hindurch.

„Ich mag den Barock”, sagt Wünsche. „Das ist lustiger als Klassizismus. Wabernder, voluminöser, wuchernder.” Ein Blitzen in den Augen, bescheidene Freude über die gewitzte Formulierung. Peik Wünsche mag nicht nur Cool Jazz. In den Pausen liest er „Blues für Blondinen”, Jörg Fausers Reportagen und Essays. Unter einem Foto von Klaus Kinski als Cäsar.

Drinnen, in der hellen Halle, sieht man neben schwarz patinierten Originalfiguren mit abgebrochenen Mündern, wie hilfreich die moderne Technik in manchen Fällen war. Hinter dschungelartigem Pflanzengeranke erkennt man in hohlen Kunststoffformen das ›Liebknecht-Portal‹. Das am Staatsratsgebäude erhaltene Original wurde dreidimensional gescannt und mit dem 3D-Drucker ausgedruckt. In den Natursteinfirmen frästen CNC-gesteuerte Roboter das Gröbste aus dem Stein, der dann von den Steinbildhauern vollendet wurde.

„Unser ›Liebknecht-Portal‹ ist eigentlich originaler als das Original”, erklärt Just stolz. Denn beim Einbau ins Staatsratsgebäude 1963 hätten die DDR-Baumeister nicht nur den preußischen Adler weggelassen, sondern auch manche Details falsch rekonstruiert. „Dank der bei uns versammelten kunsthistorischen Kompetenz wird im Humboldt Forum die historisch dokumentierte Version eingebaut«, sagt Just.

Ein letzter Höhepunkt seiner Arbeit in der Schlossbauhütte könnte für Peik Wünsche die Gestaltung des Apoll oder eine der anderen Kolossalskulpturen werden. Zusammen mit sechzehn weiteren Götterfiguren schaute der Gott der Musik von der Fassade in den Schlüterhof hinunter. Als drei Meter hohes Gipsmodell wartet er nun in Spandau auf seine Rekonstruktion. Wenn Wünsche die Ausschreibung für den Apoll gewinnt, weht in Spandau vielleicht bald ein Hauch Cool Jazz über die antike Leier.

Die Schlossbauhütte

Der Deutsche Bundestag hat 2002 beschlossen, die drei barocken Außenfassaden samt Kuppel und die drei barocken Fassaden des Schlüterhofes des Berliner Schlosses zu rekonstruieren. Die Wiedererrichtung der Schlossfassaden soll die herausragende künstlerische Gestaltung des Baumeisters Andreas Schlüter erkennbar machen. Bei der Rekonstruktion geht es um die architektonischen und bildhauerischen Schmuckelemente. Für die Arbeiten hat die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss im Sommer 2011 die »Schlossbauhütte« in Spandau in einer ehemaligen KFZ-Reparaturhalle der Alliierten gegründet.

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